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Terms of reference - Richtlinien für den Friedenspreis der Stadt Ypern

Auf der Suche nach dem ewigen Frieden

Früher oder später endet jeder Krieg mit Frieden, der aber leider nicht immer von Dauer ist. Denn manchmal sind Friedensverträge lediglich Auftakt für einen folgenden Krieg. Zweifellos ist der Vertrag von Versailles hierfür das dramatischste Beispiel. Das geschlagene Deutschland wurde von den Siegern des Ersten Weltkriegs dermaßen erniedrigt, daß der Keim für den Zweiten Weltkrieg gelegt wurde. Um Frieden zu sichern, bedarf es mehr als bloß das Ende der Feindseligkeiten auf dem Schlachtfeld.

Die Menschheit hat auf der Suche nach dem ewigen Frieden mindestens 4 Wege beschritten, die manchmal parallel verlaufen, manchmal einander kreuzen, aber in jedem Fall zu Verhältnissen führen müssen, in der der Gebrauch von großangelegter organisierter Gewalt undenkbar geworden ist und in der die fundamentalen Aspekte der Menschenwürde erfüllt sind. Diese vier Methoden betreffen die Verbannung des Krieges als Instrument internationaler Politik, die Vernichtung der Mittel der Kriegsführung, die Beseitigung von Kriegsursachen und die Schaffung von Friedensbedingungen.

Jede Person oder Organisation, die sich in einem oder in mehreren dieser Gebiete außerordentlich verdient gemacht hat, kommt für die Verleihung des Friedenspreises von Ypern in Betracht, diese Stadt in Westflandern, die so entsetzlich unter den Greueln des Ersten Weltkriegs gelitten hat.

Krieg dem Krieg

Der Erste Weltkrieg wurde durch die Alliierten geführt, so lautet zumindest die von H. G. Wells im August 1914 geprägte Formulierung, um dem Krieg ein Ende zu machen. Aber auch in diesem Krieg gegen den Krieg fielen zahllose Soldaten. In der Nähe von Ypern steht auf dem deutschen Soldatenfriedhof Vladslo die wunderschöne und zugleich tief ergreifende Figurengruppe Die trauernden Eltern von Käthe Kollwitz. Sie entwarf diese Figurengruppe zum Gedenken an ihren Sohn Peter, der als Kriegsfreiwilliger im Oktober 1914 während der Schlacht an der Yser gefallen war. Im Jahre 1924 gestaltete Käthe Kollwitz das später so berühmt gewordene Plakat Nie wieder Krieg, mit dem sie energisch die Gefühle so vieler nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck brachte. Überall in Europa entstanden aus tiefer Abscheu vor dem Blutbad im Grabenkrieg Nie wieder Krieg-Bewegungen.

Diese Nie wieder Krieg-Bewegung erlebte 1928 bei der Unterzeichnung des sogenannten Kellogg-Briand Paktes ihren Höhepunkt. Eine beachtliche Anzahl Länder nahm bei diesem Pakt Abstand vom Krieg als Instrument internationalen Politik. Die Schwäche des Paktes lag nicht an dem Idealismus der Unterzeichnenden, sondern in der Weigerung der Länder, diesen Pakt zu unterzeichnen, weil sie auf Revanche, Gebietserweiterungen und ideologische Dominanz aus waren. Selbst wenn man sich nicht auf einen Krieg einläßt - gerade das hat der Zweite Weltkrieg gezeigt -, wird man für ganz bewußte Aggression anderer Ländern verletzbar. Friede verlangt mehr als die Verbannung des Krieges von gutwilligen Menschen und Ländern.

Nach 1945 wurde das Verbot internationaler Aggression in der Charta der Vereinten Nationen festgelegt. In Artikel 51 ist das Ideal eines kollektiven Sicherheitssystems formuliert. Die internationale Gemeinschaft garantiert die Sicherheit und dadurch den Frieden, indem sie sich verpflichtet, jedem Land, das Opfer von Aggression wird, unverzüglich und wenn nötig auch mit Waffengewalt zur Hilfe zu eilen. In dem Maße, wie glaubwürdig diese Garantie ist, wird ein möglicher Aggressor abgeschreckt und die Möglichkeit eines Krieges verringert. Aber ein solches kollektives Sicherheitssystem kann nur funktionieren, wenn mindestens drei Bedingungen erfüllt sind.

Zuallererst muß der Frieden in der Welt als ein unteilbar Ganzes betrachtet werden und das Eintreten für Frieden als eine weltweite Verantwortung aufgefaßt werden, welche die regionalen Grenzen und die privaten Interessen übersteigen. Ein weltweites Verantwortungsbewußtsein kann die Bereitschaft, sich für Frieden in Kriegsgebieten einzusetzen, vergrößern, auch wenn man selbst verhältnismäßig friedlich und in Wohlstand lebt und selbst wenn dieser Einsatz große persönliche Risiken in sich birgt. Wenn sich gutwillige Menschen und Länder weigern, um im äußersten Fall mittels einer durch die Vereinten Nationen organisierten Friedenstruppe gegen den Aggressor vorzugehen, dann haben die Aggressoren freies Spiel. Krieg zu verbannen, bringt uns in eine teuflische Zwangslage.

Schließlich verlangt die Verbannung des Krieges die Entwicklung von Institutionen und Mechanismen für friedliche Veränderungen und Konfliktlösungen. Hier geht es um den Ausbau des internationalen Rechts, um Systeme internationaler Rechtssprechung und Schlichtung und um Vermittlung im Fall eines drohenden Konflikts. Um dem Krieg als Instrument internationaler Politik ein Ende zu machen, bedarf es mehr als feierlicher Erklärungen, die in internationalen Verträgen festgehalten werden. Es geht um einen weltweiten Bewußtwerdungsprozeß, um der Bereitschaft der Aggression kollektiv zu widerstehen und um die Entwicklung von Abläufen für friedliche Veränderungen und Konfliktlösung. Alle Personen und Organisationen, die sich in diesen Bereichen ausgezeichnet haben, kommen für die Verleihung des Friedenspreises von Ypern in Frage.

Die Waffen nieder

Am 22. April 1915 wurde zum ersten Mal von den deutschen Truppen Giftgase in großem Ausmaß in der direkten Umgebung von Ypern benutzt, obwohl der Gebrauch solcher und ähnlicher Kampfmittel durch internationale Verträge verboten war. Dieses Beispiel verdeutlicht den mühsamen und langwierigen Weg zur Abrüstung, ob bilateral oder unilateral, ob allgemein oder auf bestimmte Waffenkategorien gerichtet. Die weitreichende Friedensbewegung hat bereits im 19. Jahrhundert, unter maßgeblichem Betreiben der Baronin Bertha von Suttner, sich für die totale Abrüstung eingesetzt. Ihr Roman „Die Waffen Nieder" aus dem Jahre 1889, in dem sie auf Grundlage von Berichten der Militärärzte und des Roten Kreuzes die Greuel des Schlachtfelds beschrieb, klagte den Krieg auf vehemente Weise an. Für Suttner war der Krieg eine barbarische Einrichtung, die kraft der Zivilisation aus unserer Gesellschaft entfernt werden muß.

Seit der Ersten Haager Friedenskonferenz im Jahre 1899 steht das Streben nach allgemeiner, bilateraler Abrüstung auf dem Programm der internationalen Politik. Diese Konferenz wurde auf persönliche Initiative von Zar Nikolaus II. einberufen, der von Jan Blochs Buch über die Zukunft des Kriegs („La guerre future") tief beeindruckt war. In dem Buch wurde dargelegt, daß die moderne Waffentechnologie Krieg führen nicht unmöglich, aber durch ihre Vernichtungskraft selbstmörderisch machen würde. Wie sehr Bloch recht hatte, zeigten die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Und von Nikolaus II., der sich von Bloch anregen ließ, kam dann der Aufruf zur Haager Friedenskonferenz. Aber seinen Absichten, die Aufrüstung zu reduzieren, wurde Mißtrauen entgegengebracht. War es nicht so, daß der Zar zur Abrüstung aufrief, weil das russische Reich mit der Konkurrenz der anderen Großmächte nicht mehr Schritt halten konnte? Abrüstung als politisches Instrument, um die nationalen Eigeninteressen zu wahren, und nicht als Beitrag zu einer friedlicheren Welt. Es liegt an dem gegenseitigen Mißtrauen, das trotz sämtlicher Konferenzen, Demonstrationen und Petitionen die Realisierung einer allgemeinen Abrüstung so schwierig macht.

Die Abschaffung oder Verringerung von bestimmten Waffensystemen wie chemische, bakterielle und selbst nukleare Waffen anzustreben, hat im Laufe der Zeit mehr Erfolg gehabt.

Wenn Regierungen der Meinung sind, daß das generelle militärische Gleichgewicht nicht gefährdet ist, sind sie bereit, bestimmte Waffentypen abzuschaffen. Manchmal können hierfür öffentliche Aktionen von ausschlaggebender Bedeutung sein, wie dies zum Beispiel die Aktion gegen Landminen zeigte.

Wenn Mißtrauen und Feindseligkeit zwischen den Ländern abnehmen, vereinfacht sich das Schließen von Abrüstungs-Abkommen. Gerade nach dem Ende des Kalten Krieges wurden etliche Abrüstungs-Vereinbarungen getroffen. Neben dem INF-Vertrag zum Abbau der Mittelstrecken-Nuklearkräfte (die sogenannten Marschflugkörper) aus dem Jahre 1987 ist der CFE-Vertrag von 1990, in dem die Anzahl der Panzer, der Artillerie und der Flugzeuge drastisch verringert wurde, zweifellos das bedeutendste Abrüstungs-Ergebnis. Tatsächlich wurden dann Tausende von Panzer buchstäblich verschrottet.

Die Menschheit hat ihre Fähigkeiten in der Herstellung von immer tödlicheren Waffen dermaßen unter Beweis gestellt, daß unsere Welt jetzt in nur wenigen Momenten vernichtet werden kann. Es versteht sich von selbst, daß das öffentliche Interesse auf diese (nuklearen) Massenvernichtungswaffen gerichtet ist. Aber es ist ein beängstigendes Paradox, daß seit 1945 Millionen von Menschen gerade mit verhältnismäßig primitiven Waffen ermordet worden sind. Weil die Kontrolle der Herstellung und der Handel mit diesen Waffen, in der Hauptsache Handfeuerwaffen, noch immer äußerst mühsam zu verlaufen scheint, wäre hier eine öffentliche Aktion, die nach dem Modell der Landminenkampagne Anstrengungen unternimmt, um Resultate zu verzeichnen, Willkommen zu heißen. Bisher stellen die wirtschaftlichen Interessen der Hersteller und Händler, die oft von ihren Regierungen politische Unterstützung bekommen, allerdings ein enormes Hindernis dar. Aber auch der Seite der Nachfrage muß Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Besonders tragisch ist der Umstand, daß gerade im konfliktreichen Afrika für junge Menschen der Soldatenberuf oft die einzige Möglichkeit darstellt, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Programme, bei denen im Tausch für das Abgeben von Waffen, die später dann vernichtet werden, Berufsausbildungen angeboten werden, hätten hier gute Aussichten.

Jede Person und jede Organisation, die sich auf die eine oder andere hier beschriebene Weise für Abrüstung einsetzt, kommt für den Friedenspreis von Ypern in Frage.

Krieg oder Frieden als die „große Illusion"?

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs schrieb Norman Angell sein erfolgreiches Buch „The great illusion" (dt. „Die große Täuschung"), in dem er zeigt, daß die Idee eines gewinnbringenden Krieges eine Illusion war. Als Folge der zugenommenen wirtschaftlichen Abhängigkeit zwischen den Staaten, kann Krieg für alle teilnehmenden Länder nur katastrophale Folgen haben. Aus diesem Grund erhoffte sich Angell als Optimist und Rationalist des 19. Jahrhunderts wie so viele andere auch, daß sich die Politiker nicht mehr für Krieg entscheiden würden.

In der Tat waren Frankreich und Deutschland vor 1914 gegenseitig ihre wichtigsten Handelspartner und alle kapitalistischen Länder waren durch den Goldstandard in einem Währungs- und Finanznetz miteinander verbunden. Trotzdem kam es doch zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit anderen Worten: Wirtschaftliche Interdependenz an sich ist kein Garant für Frieden. Wirtschaftliche Verflechtung erfordert, um die so sehnlich gewünschte kriegsvermeidende Wirkung ausüben zu können, Vereinbarungen über Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. Das war die geniale Kombination in dem von Jean Monnet entwickelten Schuman-Plan vom 9. Mai 1950: Ein gemeinschaftlicher Markt für Kohle und Stahl unter Aufsicht eines supranationalen Organs, die Grundlage für den Prozeß der europäischen Integration.

Allgemeiner betrachtet kann davon ausgegangen werden, um Frieden keine Illusion bleiben zu lassen, daß aktiver Einsatz notwendig bleibt, um die Kriegsursachen wie Unterdrückung und wirtschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen und Friedensbedingungen wie internationale Zusammenarbeit und Organisation zu realisieren. Besondere Aufmerksamkeit muß dabei der Unterstützung von Bewegungen zur Demokratisierung und zur Realisierung der Menschenrechte verliehen werden. In seiner „Four freedoms speech" vom Januar 1941 hat der amerikanische Präsident Roosevelt nachdrücklich hervorgehoben, daß Freiheit die Vorrangstellung von den Menschenrechten überall auf der Welt bedeute. Allen, die dafür kämpften, um diese Rechte zu erlangen und zu behalten, sagte er seine Unterstützung zu. Das Besondere an den „Four freedoms", die Roosevelt nannte, war die Verbindung von klassischen Freiheitsrechten (Freiheit der Meinungsäußerung und Religion, keine Diskrimination aufgrund der Ethnie oder Rasse) mit sozialwirtschaftlichen Rechten (keine Angst vor Armut und Not), aber vor allem seine Betonung der Notwendigkeit, frei zu sein von Angst vor Krieg und Gewalt als Bedingung für den Besitz der Menschenrechte. Damit ist der Zusammenhang zwischen dem Kampf für Freiheit, Menschenrechten und Frieden gegeben.

Es gibt keinen Staat, der sich nicht offiziell zur Idee der Menschenrechte bekannt hätte. Aber die Achtung derer ist leider noch nicht überall garantiert. Aber es gibt immer wieder mutige Menschen, die auf gewaltlose Weise von ihrem Staat verlangen, das formell gegebene, aber in der Praxis hohle Wort der Menschenrechte zu achten. Gerade indem von den Menschenrechten auf friedliche Weise Gebrauch gemacht wird, nicht mehr und nicht weniger, durch „in Wahrheit leben", wie es der tschechische Dissident Vaclav Havel und Begründer der Charta 77 formulierte, werden die Regierungen, die ebendiese Rechte verletzen, sich in einer mißlichen Situation befinden. Ihr Vorbild bringt auch Mitbürger, die sich mit dem Zwang der Umstände abfinden, in Verlegenheit. Um nicht gar von Politikern zu sprechen, die aus machtpolitischen oder wirtschaftlichen Gründen oder einfach aus Feigheit den Menschenrechtlern ihre Unterstützung verweigern.

Menschenrechtler befinden sich oftmals in dreifacher Isolation: bedroht von ihrer Regierung, beschimpft von ihren Mitbürgern und im Stich gelassen von der Außenwelt. Die Worte Roosevelts, ihren Kampf zu unterstützen, haben an ihre Bedeutung nichts verloren. Es ist eine tiefe Verpflichtung, diese Menschen zu unterstützen. Sie, aber auch andere, die ihren Beitrag zur Schaffung von Friedensbedingungen geleistet haben, kommen für den Friedenspreis von Ypern in Betracht.

Versöhnung, Vergebung und Barmherzigkeit

Unweit von Ypern, beim Ort Mesen, befindet sich der Island of Ireland Peace Parc zum Gedenken an die katholischen und protestantischen Iren, die am 7. Juni 1917 Seite an Seite gegen den gemeinsamen Feind aufmarschierten. Im Rahmen des Projekts A Journey of Reconciliation haben 1998 katholische und protestantische Jugendliche an der Realisierung des Peace Parks zusammengearbeitet. In ihrem gemeinsamen Gedenken an die Schrecken des Ersten Weltkriegs haben sie die Kraft gefunden, mit ihrem eigenen Krieg in Belfast und Derry aufzuhören.

Krieg ruft heftige Gefühlsregungen hervor und erweckt Gefühle wie Haß und Rache. Friede setzt voraus, daß der Kreislauf von Rache und Wiedervergeltung durchbrochen wird. Solange erlittenes Unrecht als Rechtfertigung dient, um anderen auch Unrecht widerfahren zu lassen, solange bleibt die Menschheit in den Tretmühlen von Krieg und Gewalt gefangen. Aussöhnung zwischen ehemaligen Feinden verlangt die Einsicht der in Kriegszeiten verübten Greueltaten und nicht die Leugnung derer und gleichzeitig das Bewußtsein, daß die Schrecken der Vergangenheit nur dadurch überwunden werden können, indem an einer gemeinsamen Zukunft gearbeitet wird. Die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland war der Anlaß für den Beschluß einiger katholischer Geistlicher, am Ende des Zweiten Weltkriegs die Weltfriedensorganisation Pax Christi ins Leben zu rufen. Versöhnung war auch die Grundlage von all den grassroots-Initiativen auf dem Balkan, die auf den Trümmerhaufen der extrem nationalistischen und ethnischen Säuberungen die Fundamente für eine multikulturelle und demokratische Gesellschaft schaffen wollen.

Aussöhnung zwischen ehemaligen Feinden ist ein äußerst schwieriger Prozeß, um so mehr, je länger der Konflikt angedauert und je mehr Opfer er gekostet hat. Das sind Politiker mit Vorbildfunktion, die den Mut haben, Aussöhnung anzusteuern: der ägyptische Präsident Anwar Sadat, der nach Israel reist, um den Friedensprozeß ins Laufen zu bringen, der westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt, der am Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Warschau sich hinkniet. Wer die Friedhöfe von Verdun sich angeschaut hat, weiß um die außergewöhnliche Geste von Mitterand und Kohl, die Hand in Hand der Opfer von drei vernichtenden Kriegen gedachten.

Aussöhnung zwischen ehemaligen Feinden kann sich aber nicht darauf begründen, verübte Verbrechen ungestraft zu lassen. Internationale Gerichtshofe, aber auch nationale Verfahren spielen dabei eine ausschlaggebende Rolle. Natürlich darf es niemals um blinde Rache gehen, sondern darum, die Beziehungen zu bereinigen, so daß eine gemeinsame Zukunft erschaffen werden kann. Die Beziehung zwischen (ehemaligen) Unterdrückern und Unterdrückten ist vielleicht die schwierigste. Das Beispiel Südafrika drängt sich förmlich auf. Als es mit Apartheidsregime zu Ende ging, mußte ein Weg gefunden werden, um die Mehrheiten und Minderheiten miteinander zu versöhnen, damit an einer gemeinsamen Zukunft gearbeitet werden konnte. Die Rache der Schwarzen auf ihre weißen Unterdrücker wäre genau die Umkehrung, aber die Leugnung der Greueltaten der Apartheid das gleiche. Unter Leitung vom Erzbischof Desmond Tutu wurde die Einrichtung einer Wahrheitskommission entwickelt. Wer seine Verbrechen öffentlich vor dieser Kommission bekennt, kann ohne bestraft zu werden an einer multikulturellen Zukunft Südafrikas mitarbeiten. Für jeden, der der Meinung ist, daß auf Verbrechen Strafe folgen muß, ist dies unbefriedigend. Aber doch ist Barmherzigkeit vielleicht die einzige Möglichkeit, diesem tief zerrissenen Land eine friedliche Zukunft ermöglichen zu können.

Und jeder, der sich dafür eingesetzt hat, die Haß- und Rachegefühle zwischen (ehemaligen) Feinden zu bekämpfen und auf der Grundlage von Versöhnung, Vergebung und Barmherzigkeit die Fundamente für friedliche Zusammenarbeit gelegt hat, kommt für den Friedenspreis von Ypern in Frage.

Der Friedenspreis von Ypern: In Frieden für Frieden leben

Der nationalistische Dichter Rudyard Kipling, der seinen einzigen Sohn bei der Schlacht von Loos 1915 verlor, sprach mit bitterer Selbstkritik im Namen all der vielen Millionen, die zusammen mit seinem Sohn starben:

If any question why we died,
Tell him, because our fathers lied.

Die alte Lüge der Väter war die Behauptung, daß es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben. In seinem ergreifenden Gedicht Dulce et decorum est, heraufbeschworen im „In Flanders Field Museum" zu Ypern, mahnt Wilfred Owen, der genau eine Woche vor dem Waffenstillstand in 1918 fiel, uns nie mehr die alte Lüge zu erzählen:

My friend, you would not tell with such high zest
To children ardent for some desperate glory,
The old lie: Dulce et decorum est
Pro patria mori.

Möge der Friedenspreis von Ypern dazu beitragen, daß unsere Kinder nicht allein in Frieden, sondern auch für Frieden leben werden.

 

Prof. Dr. Koen Koch, Universität Leiden,
im Namen des Auswahlkomitees für den Friedenspreis von Ypern 2002.